Einsichten auf dem Vipassana-Weg

Und hier ein Brief der uns schon im Dezember erreichte und uns so richtig zum Lachen gebracht hat. So wunderbar aufrichtig geschrieben, so ehrlich und trocken. Herrlich. Denn diese Widerstände kennen wir alle!

Lieber Adriaan,
liebe Kati,

 

der Buddhayogatag vor zwei Wochen in Friedrichsdorf hat mich darin bestärkt ein zweites Mal ein Vipassana bei euch zu machen. Bei jeder deiner Veranstaltungen Adriaan, die ich bisher besucht habe, habe ich neue „Einsichten“ mit nach Hause genommen. Manchmal waren es nur ganz einfache Dinge, die du nebenbei gesagt hast, die aber nachhaltig bei mir gewirkt und Stück für Stück etwas verändert haben.

 

Sommer 2013, Yoga Vidya im Westerwald:

Ich wollte (zum zweiten Mal) bei Yoga Vidya Yoga machen. Der Kurs bei dir hat zeitlich am besten gepasst. Was „achtsames“ Yoga sein sollte – keine Ahnung. Das war mir auch egal. Und dann erzählst Du, dass ich das Buch nicht lesen soll, das ich mitgebracht habe und dass ich einmal versuchen soll während des Essens zu schweigen. So ein Blödsinn, habe ich gedacht, was soll das denn. Aber gelesen habe ich tatsächlich nicht, viel gesprochen allerdings schon.

 

Ich weiß nicht mehr genau, ob du damals viel über Buddhismus erzählt hast, ich glaube nicht. Etwa ein halbes Jahr vor dem Wochenende bei dir hatte ich aber durch Zufall erstmalig ein Buch  über Buddhidmus von Jack Kornfield  gelesen, das mich sehr beeindruckt hat. Das in dem Buch Gelesene und das, was du gesagt hast, fügte sich für mich wie zwei Puzzelstücke, die ich lange gesucht hatte, ineinander.
Nach dem Wochenende mit dir habe ich mich unerklärlich gut gefühlt. Von Vipassana habe ich damals zum allerersten Mal gehört und zu Hause erst mal gegoogelt, was das ist. Damals eine schreckliche Vorstellung für mich, zehn Tage zu schweigen – aber irgendwie auch eine faszinierende Idee, die lange in meinem Unterbewusstsein gearbeitet hat.

 

Sommer 2014, Red Rock Ranch, Höchst im Odenwald:

Du hast eine Rundmail an alle aus dem Rhein-Main-Gebiet geschickt und geschrieben, dass du in der Nähe ein Wochendseminar gibstIch habe mich sofort angemeldet. Die Idee beim Essen zu schweigen fand ich jetzt schon nicht mehr so abwegig. Du hast viel erklärt. Mit nach Hause habe ich dein Bild von den fünf bzw. sechs Türchen und der Wolke genommen, in der alle unsere Erfahrungen und Prägungen aus der Vergangenheit kreisen und die Erkenntnis, dass das nicht die Realität sondern nur meine eigene persönliche Wahrheit ist.

Februar 2017, Haus Tabor in Vallendar:

Endlich habe ich mich getraut, mich für 10 Tage Vipassana anzumelden. Ich möchte die tiefe Freude wiederfinden, die ich in einer Krankheitsphase erlebt hatte und die zu halten ich leider nicht in der Lage war.

Ich bin bereit zu schweigen, das schaffe ich problemlos, denke ich. Aber als ich meinen Essplatz sehe, von dem aus ich frontal auf eine Wand blicke, die zugehängten Fenster im Übungsraum sehe und realisiere, dass ich tagelang niemanden ansehen oder anlächeln soll, bin ich schockiert. Auf die Gehmeditation bei den allerersten Vorboten des Frühlings habe ich mich gefreut. Als ich erfahre, dass wir immer nur im Kreis um das Haus laufen werden, macht mich das zornig. Dass alle Bilder abgehängt sind, stört mich zwar nicht, aber ich finde es etwas übertrieben. Meine Umwelt und meine Mitmenschen zu sehen und jederzeit zu beurteilen (ja, ich weiß die Wolke…) zu können ist mir extrem wichtig. Noch nicht einmal mit einem Lächeln zu grüßen oder die Tür aufzuhalten, finde ich einfach nur unhöflich. Obwohl ich einen analogen Wecker dabei habe beschließe ich aus einem Gefühl des Widerstands heraus, mein Handy nicht abzugeben, sondern während des Retreats als Wecker zu nutzen.

Der Essplatz ohne Aussicht hat mich schon nach kurzer Zeit nicht mehr gestört – das Essen ist einfach zu lecker Kati. Als am letzten Tag des Retreats die Tücher von den Fenstern abgehängt wurden, wirkt der Raum kalt und ungemütlich – im Laufe der 10 Tage war der Raum zu einer Art schützendem Nest für mich geworden. Nach etwa drei Tagen konnte ich den Widerstand gegen das Laufen im Kreis völlig aufgeben. Ich habe aufgehört zu bedauern, dass ich in der schönen Umgebung nicht diesen und jenen neuen Weg ausprobieren darf und habe tatsächlich angefangen jede Kleinigkeit auf dem erlaubten Weg und in mir selbst ganz neu und intensiv wahrzunehmen. Das Handy habe ich wirklich nur als Wecker genutzt, dabei zwar gesehen, wer mir geschrieben hat, aber kein Bedürfnis gehabt irgendeine Nachricht zu lesen.
Meine Mitmenschen nicht anzuschauen, nicht zu lächeln, die Tür nicht aufzuhalten und auch andere Menschen nicht aufgrund von Äußerlichkeiten zu beurteilen, habe ich bis zuletzt nicht geschafft, vielleicht auch nicht gewollt – aber ich habe immerhin verstanden, warum dies besser gewesen wäre.

Die Freude, nach der ich gesucht habe, ist manchmal während der 10 Tage unvermittelt aufgeblitzt. Festhalten kann ich sie immer noch nicht willentlich.

Was mir geblieben ist, ist das Wissen, dass es einen Unterschied zwischen automatischem Reagieren und bewusstem Handeln gibt, dass es da diesen Spalt geben kann, von dem du gesprochen hast, zwischen dem, was ich wahrnehme und meiner Reaktion darauf, und dass ich diesen Spalt vergrößern kann, wenn ich lerne meine  Emotionen und den damit verbundenen körperlichen Zustand besser wahrzunehmen. Das ist eine einleuchtende Erklärung für so viele unnötige Streiterein und leidvollen Erfahrungen, die es in der Vergangenheit schon gegeben hat und ein hilfreiches Werkzeug, um es in Zukunft ein kleines bisschen besser zu machen. Ich muss noch viel üben.

Von den geistigen Höhenflügen komme ich jetzt zu etwas ganz Banalem, das ich in Vallendar nebenbei auch noch gelernt habe. Im Zusammenhang mit der Wahrnehmung der körperlichen Empfindungen kamst du in deinem Vortrag irgendwie darauf zu sprechen, dass viele Frauen während des Vipassana Probleme mit dem Stuhlgang haben, weil sie die Signale ihres Körpers nicht wahrnehmen. „So dumm ist kein Tier“ sagtest du dazu. In der Tat hat auch mir dieses Problem seit Jahrzehnten jeden Urlaub verleidet. Seit Februar war ich mindestens viermal mehrere Tage verreist – ich denke dann daran, dass kein Tier so dumm ist wie ich. Was soll ich sagen… es funktioniert. Danke auch hierfür. (Ist schon ein etwas peinliches Thema, aber irgendwie auch wichtig)

August 2017, Sanga-Treffen in Friedrichsdorf:

Ob sich das lohnt, für einen Tag extra nach Friedrichsdorf zu fahren, habe ich mich gefragt.
Du hast darüber gesprochen, dass es für viele Übende, meistens Frauen, traurig ist, dass sie ihren Freunden und ihrem Partner nicht oder nur sehr schwer vermitteln können, warum sie den Buddhayoga-Weg gehen. Und dann haust Du wieder so einen Satz raus: „Da meditierst du und am nächsten Morgen wachst du wieder neben diesem haarigen Monster auf.“  Wir haben alle gelacht, aber mit dieser Übertreibung hast Du genau meinen wunden Punkt getroffen und dein Spruch hat irgendetwas bei mir verändert. Ich habe keine Ahnung warum das so ist, aber jedes Mal wenn ich jetzt neben meinem persönlichen (wenig) haarigen Monster aufwache oder über diesen Spruch nachdenke, empfinde ich Dankbarkeit dafür, dass ich seit 32 Jahren mit diesem Mann zusammen bin. Schon dafür hat es sich gelohnt nach Friedrichsdorf zu fahren.

 

November 2017, noch ein Sanga-Treffen in Friedrichsdorf:
Ich weiß vorher, dass es sich lohnen wird für einen Tag nach Friedrichsdorf zu fahren.
 Es gibt wieder so einen Satz von Dir, den ich mitnehmen kann, mit dem ich mich erklären kann, wenn meine Mitmenschen mich seltsam ansehen, weil ich erzählt habe, dass ich meditiere und Schweigeretreats besuche: „Meditation bedeutet nicht, wie die meisten glauben, Rückzug aus dem Leben sondern im Gegenteil die direkte Konfrontation mit dem Leben.“  So schön hätte ich das nicht auf den Punkt bringen können.

Und dann hast Du gegen Ende des Tages noch eine Übung mit uns gemacht, bei der wir während der Meditation an verschiedene Situationen denken sollten: ein ungelöstes Problem, etwas Unangenehmes – bei diesen beiden habe ich nicht viel empfunden – und dann als letztes sollten wir an etwas denken, wofür wir dankbar sind. Und da war es plötzlich und völlig unerwartet wieder da, dieses Gefühl von tiefer Freude, das ich so oft glaube verloren zu haben. Dass es so einfach ist, dieses Gefühl zu erzeugen, hat mich umgehauen. Seit Jahren suche ich nach einem Weg hierfür. Manchmal ist es mir gelungen, meist aber nicht und ich hatte nie eine Erklärung dafür. Entsteht Freude aus Dankbarkeit und Demut? Ist es wirklich so einfach? Auch jetzt während des Schreibens kann ich das Gefühl spüren.

07.12.2017

Oh, jetzt habe ich ganz schön viel geschrieben. Du sagtest Adriaan, Du würdest Dich freuen, wenn wir von unseren Erfahrungen berichten. Eigentlich wollte ich aber nur fragen, ob bei dem 10-Tages-Vipassana nächstes Jahr …. noch ein Platz für mich frei ist und mich anmelden, falls ein Platz frei ist.

 

Viele liebe Grüße
XY

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