Ich glaub, ich habs geschnallt: Mein Atem und ich

Vor einigen Tagen erreichte uns eine ausführliche, klare mail zur Übungspraxis.
Für uns ist es immer wieder eine Freude zu lesen, wie Menschen ihren Weg zum erfahrenden Verstehen finden und dran bleiben.
Für uns ist es immer wieder eine Freude, diese geschriebenen Kostbarkeiten anonymisiert hier mit allen teilen zu dürfen.

 

Lieber Adriaan,

jetzt, mit einigen Wochen Verspätung, schaffe es endlich doch, dir nach dem Intensivseminar zu schreiben.
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Insgesamt hat das Seminar mein Verständnis deutlich vertieft. Das Gefühl es „geschnallt“ zu haben, ist geblieben und sogar noch gewachsen. Das lag zum einen daran, dass man Dinge durch Wiederholung besser versteht. Es hatte aber auch damit zu tun, dass du manche Dinge anders erklärt hast als vor drei Jahren bei dem ersten Seminar, an dem ich teilgenommen habe. Die Rückführungsphase am Schluss etwa war näher am Alltag. Und du bist auch viel mehr auf die Schwierigkeiten eingegangen, denen wir uns im Alltag gegenüber sehen werden. Insgesamt hast du diesen Aspekten mehr Zeit eingeräumt. Das hat es für mich viel einfacher gemacht, Dinge wie etwa den Atem in meinen Alltag herüber zu nehmen.

Dann fand ich deine Erklärungen zum Satipatthana Sutta, obwohl sie weniger Raum einnahmen als noch vor drei Jahren, lebensnäher. Sie waren auch bei meiner ersten Teilnahme gut und überzeugend. Aber jetzt deckt sich deine Interpretation noch besser mit meiner nüchternen Sicht auf die Dinge. Dadurch hat sich für mich eine neue Qualität im Verständnis ergeben. Auch die Klarstellung, dass im Pali-Kanon nicht von Erleuchtung die Rede ist, sondern nur vom Erwachen, bedeutete für mich einen größeren Realismus. Das bedeutet zugleich eine Entzauberung des buddhistischen Weges. Denn gerade die Erleuchtung war für mich die große Verheißung des Buddhismus und auch des Hinduismus. Noch vor wenigen Jahren wäre das eine große Enttäuschung für mich gewesen. Jetzt aber empfinde ich es als Erleichterung, nicht mehr einem Ziel hinterherlaufen zu müssen, dass nur ein Ziel für ganz wenige sein kann – wenn es denn überhaupt Menschen gibt, die es erreicht haben. 

Ja, der Atem ist ein ganz zentraler Ankerpunkt. Das ist mir durch die beständige Übung im Seminar klar geworden. Und auch wenn er noch kein ständiger Begleiter ist, so gelingt es mir doch täglich in unterschiedlichen Situationen, mir des Atems bewusst zu werden. Auch das Sitzen ist beständig geworden. Es ist zwar immer noch nicht lange – mindestens 15 Minuten, öfters 30 Minuten, selten 45 Minuten -, aber es fühlt sich inzwischen wie ein Ankerpunkt an. Ich darf hoffen, dass das Sitzen jetzt zu einer ebenso festen Gewohnheit geworden ist wie das Yoga. Und so wie letzteres gewachsen ist, wird auch das Sitzen und Atmen wachsen. Vor allem hoffe ich, dass die Fokussierung besser wird. Hier finde ich gut, dass du durch deine Anleitung „Auch das darf da sein“ den Leistungsdruck, der hier rein gar nichts bringt, wegnimmst. 

Ich vergleiche es für mich damit, ob der Fernseher im Vordergrund oder im Hintergrund läuft. Läuft er im Vordergrund, versinke ich in dem, was ich schaue. Die Umgebung verschwindet vorübergehend. Läuft der Fernseher im Hintergrund, dann ist er nur eine von mehreren Quellen von Bewusstseinsinhalten. Wenn ich in der formellen Praxis bemerke, wie ich im Gedankenstrom abtauche, dann hole ich den Atem wieder in den Vordergrund. 

Für die informelle Praxis im Alltag sehe ich es etwas anders. Hier ist es für mich ok, dass der Atem in den Hintergrund tritt, wenn die Aufmerksamkeit, der „Scheinwerfer“, wie du es mitunter nennst, sich voll auf das richtet, was gerade Aufmerksamkeit benötigt. Das kann eine Alltagshandlung zu Hause sein, eine Aktivität beim Sport oder beim Yoga, ein Gespräch, eine geistige Arbeit. Und hier liegt für mich noch das größte Übungsfeld. Denn wenn es für mich auch ok ist, dass der Atem in den Hintergrund tritt; ihn so oft im Alltag komplett zu vergessen bedeutet immer wieder, dass ich Ursachen für Dukkha setze. Und das sind leider nicht immer kleine Unrundheiten, sondern richtige Schläge in der Achse. Seit dem Seminar gelingt es mir aber immer wieder, das Entstehen von Dukkha zeitnäher zu beobachten. Ja, teilweise werde ich mir erst durch die Praxis bewusst, dass es sich bei einer Stimmungslage um Dukkha handelt. Das motiviert mich sehr, die Praxis zu intensivieren.

Du siehst, deine Sendung erreicht Menschen und führt dazu, dass Früchte wachsen. Ob sie dann mal erntereif werden und ob sie dann auch noch schmecken, das liegt dann natürlich am Baum und nicht am Landwirt.

Dankbare Grüße