Manchmal steht etwas anderes an als Achtsamkeit-Praxis

Ich öffne weit eines der Fenster im Arbeitszimmer, lehne nach vorne raus und strecke ganz bewusst ein Bein nach hinten. Ein breiter Strom an wechselnden Sinneseindrücken flutet meinen Geist. Durch Augen sehe ich die ersten Kinder auf dem Spielplatz. Es hat geregnet und es ist wesentlich kühler als die letzten Tage. Beim Eisladen zwei Eingänge weiter sehe ich die ersten Kunden draußen sitzen. Im Park das üppige Grün von den vielen Lindenbäumen, hier und da ein Mensch. Ich nehme die Gerüche bewusst wahr, das Rauschen des Windes, die kühle feuchte Luft auf meiner Haut und dann …

Eislädchen

Eine merkwürdige Sensation an meinem ausgestreckten Fuss. Nicht bewegen! Spüren. Was ist das? Es fühlt sich an ob platschen viele winzige Tröpfchen in Wellen auf die Haut der Außenseite meines rechten Fuss. Oder vielleicht ein Nervenkribbeln? Nichts bewegen, es könnte damit vergehen. Aus Gedächtnis strömt ein, dass mein Mutter an Polyneuropathie leidet. Fängt sowas bei mir auch an? Der Gedanke an ein anderes körperliches Ungemach, dass bei mir relativ früh angefangen hat, taucht auf in meinem Geist. Nicht einsteigen! Nicht abheben in Gedanken. Weiter verweilen in der reinen Betrachtung.

Ich zoome ein auf die Empfindungen. Eindeutig erkenne ich Empfindungen in fünf-sechs Wellen pro Sekunde. Unregelmäßig. Ob kalt oder warm ist mir nicht direkt zugänglich. Ist es nur auf der Haut oder auch im Fleisch? Spüre ich Ausstrahlung nach oben in mein Bein? Nicht bewegen, sonst könnte es untergehen, verschwinden. So verweile ich vielleicht eine Minute.

Nach Achtsamkeit ist der zweite Faktor des Erwachens ‚Wirklichkeitsergründung‘. Auch übersetzt mit Forschung oder ‚Tief-Schauen’. Neugierde könnte man auch sagen, aber sowohl das ‚neu’ als die ‚Gier’ sind voll daneben. In der Achtsamkeit wird das wechselnde Aufkommen und Vergehen wahrnehmbar. Im Tief-Schauen bleibt der Übende bei der Sache und nimmt wahr was wirklich abläuft.

Die Empfindung ‚Abperlen‘ verschiebt das Spiel von Erinnerungen, Vorstellungen und Gedanken in meinem Geist. Wasser? Ich bleibe bei der Sache und nehme wahr wie Klarheit in meinem Wahrnehmen entstanden ist. Es spritzt tatsächlich Wasser gegen die Seite von meinen Fuss. Aber von wo? Wie? Ich baue aus meiner Erinnerung ein Bild von der Situation rechts neben meinem Fuss. An der Wand ein Schränkchen mit der Musikanlage. Darunter einige CD’s, ein Schuhkarton, vielleicht noch etwas darauf abgelegt. Kein Wasseranschluss und ich habe auch noch nie Wasser abgestellt an diesem Ort. Unter dem Fenster ein Heizkörper. Aber es ist Sommer und der Winkel wäre falsch. Dann würde das Wasser von vorne auf den Spann meines Fußes spritzen und ich würde schon im Wasser stehen.

Ich spüre wie das Spritzen weniger geworden ist, das Abperlen mehr.

Trotz all dieser achtsamen Präsenz schaue ich in einem unbewachten Moment über meine Schulter und ziehe dabei mein Bein ein. Neben meinem Fuss Wasser auf dem Schuhkarton und einem darauf abgelegten Buch. Von dem nach innen geöffneten Fenster tropft noch etwas Wasser.

„Da hätte ich besser gleich reagieren können.“ erklingt eine Kommentarstimme.

Zeit, um beim Fenster nachzuschauen wie sich da soviel Wasser ansammeln konnte.

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