Wie teilst du dein Leben in ‚Kapitel‘ ein?

Kapitel im Leben

Für manch einen formt jedes Silvester einen bewussten Übergang in ein neues Jahr, ein neues Kapitel im Leben. Vielleicht mit Hilfe eines Rituals. Vielleicht mit einigen Tage Stille. Vielleicht auch mit dem Schreiben eines Überblicks oder das in Ruhe betrachten einiger wichtiger Themen. Ein neues Abwiegen, das Durchtrennen von einem Knoten. Was immer nötig ist, um ein neues Jahr auch wirklich zu einem neuen Jahr werden zu lassen.

Jemand anderes benutzt vielleicht Weinachten, seinen Geburtstag oder den Jahresurlaub, um einmal pro Jahr das Alte hinter sich zu lassen und sich neu einzuordnen.
Für manch einen fliegen die Jahren vorbei. Für ihn sind die Kapitel im Leben eher die grösseren Abschnitte. Schule, Ausbildung, Jobwechsel, Umzug, Beziehung, Kindergeburt, Kindesauszug, Rente, das letzte Krankenbett.
Oft aber fehlt gerade bei diesen entscheidenden Übergängen die Zeit, die Ruhe und die Stille, um einen klaren Blick zu erlangen und sich bewusst von dem, was nicht mehr gebraucht wird zu trennen und sich bewusst auf das Neue einzulassen.
Wie gestaltest du die Übergänge in deinem Leben. Wie teilst du dein Leben in Kapitel ein?

Kapitel in meinem Leben

Für mich formen unsere Vipassana-Retreats den stillen Übergang zwischen den Kapiteln in meinem Leben. Im Schnitt folgt jeden zweiten Monat ein neues Kapitel. In den Perioden zwischen den Retreats mache ich mir immer wieder bewusst, dass ich ‚zwischen zwei Retreats‘ lebe. In schwierigen Zeiten weiss ich genau wie lange ich noch vor mir habe bis ich wieder völlig freigestellt verweilen kann. Die letzten Tage vor einem Retreat räume ich zuhause und im Büro alles auf. Ich runde meine Projekte so ab, dass ich während unserem Retreat nicht von Verpflichtungen ‚draußen‘ gestört werde.

Zu Beginn eines Kapitels

Kati und ich reisen immer ein oder wenn möglich zwei Tage vorher an. Wir nehmen uns die Zeit im Seminarhaus anzukommen. 100 Tage pro Jahr sind wir hier. Es ist unser zweites Zuhause geworden. Ich gehe durch jedes Gästezimmer. Verweile eine Minute oder zwei bewegungslos, nehme Gerüche wahr, spüre, kontrolliere Fenster und Türen, öffne Schränke und Nasszellen und hole alle Dekomaterialien weg.
Das ‚Transformieren‘ des grossen Saals in unseren Meditations-Raum braucht fast einen ganzen Tag. Sauber machen, ruhen lassen, alles abhängen und dann genauestens auf der Teilnehmerzahl abgestimmt einrichten.

Das Leben im Meditationssaal Haus Tabor

Wenn alles liegt setze ich mich auf fast jeden Platz eine Weile hin und spüre, kontrolliere die Sichtlinie zu meinem Platz bis ich weiss, dass es gut ist so. So stimmen wir das ganze Haus und die direkte Umgebung auf unser Retreat ein.

Pausen im Alltag

Ab und zu nehme ich eine Pause. Setze mich irgendwo hin. Am liebsten unter die alte Eiche auf ein Bänkchen neben der Kapelle mit Sicht auf das Haus. Und sitze. Erlaube meinen Gedanken den freien Lauf. Nehme wahr, was noch nachklingt in meinem Geist. Manchmal kommt auch etwas auf, dass noch organisiert werden muss, damit ich die Tage frei verweilen kann. Ein Telefonat, eine Notiz, ein e-mailbericht.
Kati bereitet so mit dem Koch den Küchenbereich und den Gesamtrahmen vor und macht in vielem den Feinschliff. Meistens sind wir Stunden bevor die ersten Teilnehmer ankommen völlig vorbereitet. Wir verteilen die Zimmer, führen die ‚Erstteilnehmer‘ in die Besonderheiten ein und wenn die Letzte da ist, schalten wir ganz bewusst auf RETREAT um, auf Deutsch: Rückzug.

Alles ist Übung

Obwohl ich die ‚Leitung’ habe, ist die Zeit für mich vor allem ein selber Üben. Die ersten Tagen sind für alle Teilnehmer ein ‚Ankommen‘, zur Ruhe kommen. Manchmal Müdigkeit auskurieren, Gedanken sich ordnen lassen damit auf natürliche Weise eine Sammlung auf das Meditationsobjekt entstehen kann. Atmung spüren. Auch ich mache genau das. Meine Praxis umfasst dabei nicht nur mein Körper-Geist, sondern auch das von den bis zu 22 Teilnehmern. So wie die Teilnehmer den Innen-Raum in ihrem Körper-Geist ‚halten‘, ist es gemeinsam mit Kati meine Aufgabe das Retreat-Zentrum zu halten und jeden Teilnehmer so zu begleiten, dass er oder sie wirklich in der Sammlung beim Atem spüren ankommt. Mit dem zur Ruhe kommen der Teilnehmer kommt auch mein ‚Grossraum-Geist‘ zur Ruhe.
Die Stille die dann entsteht, erfahre ich oft als einen endlosen Ozean von Raum und Zeit. Viele Stunden am Tag ist es möglich, einfach nur völlig gegenwärtig präsent zu sein. Es wird möglich was immer aufkommt in meinem Wahrnehmungsfeld wahr zu nehmen, ohne reagieren zu müssen. Am Anfang sage ich um die Teilnehmer zu unterstützen etwas mehr, mit den Tagen weniger. Ein Wort um wach zu bleiben, eine Erinnerung an die Praxis, eine kurze Erklärung. Manchmal spreche ich mein Erleben beim ‚Meditieren‘ aus, damit sie als geführte Meditation für die Teilnehmer dienen kann. Immer mehr verweilen wir alle in Stille. So kann das Kapitel, das hinter mir liegt zur Ruhe kommen. So kann alles greifen nach Zukünftigem zur Ruhe kommen.

Jetzt ist dazwischen

Ich befinde mich wieder zwischen den Kapiteln meines Leben.
Diesmal wird mein neues Kapitel etwas ganz besonderes sein. Den Rest von diesem Jahr habe ich reserviert, um endlich das ‚Buddhayoga-Buch‘ zu schreiben und damit verbunden das CD-Projekt zu Ende zu bringen. Nach über neun Jahren Unterrichtserfahrung im Forschungsprojekt ‚Buddhayoga‘ ist es Zeit, die Hilfsmittel systematisch für zuhause üben zur Verfügung zu stellen.
Natürlich werden alle geplanten Seminare normal statt finden. Natürlich werde ich jeden Monat eine Woche mit meinem Sohn Aurelius verbringen. Natürlich werde ich meine Beziehung mit Kati leben. Aber alles andere … Was einigermaßen ausgelassen werden kann, werde ich weglassen. Wenn nötig werde ich mit Kraft und Disziplin meinen Geist und Alltag für die Arbeit am Buch und an den CD’s frei machen.
Vor mir liegen 15 Tagen in Stille, um mich auf diesen Übergang von Kapiteln einzustimmen.

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