Verweilend (und überrascht?) zurück zu Hause

Am vergangenen Sonntag ist wieder eines unserer VipassanaWochenenden zu Ende gegangen. Seit zwei Jahren bieten wir Menschen die Möglichkeit, die Praxis der Einsichtsmeditation an einem verlängerten Wochenende in Stille kennen zu lernen und davon zu kosten. Für viele Menschen ist der Schritt, sich für ein 10-tägiges Retreat zu entscheiden zu groß. Manch eineR geht ein-zwei Jahre schwanger mit dem klaren Ja für diesen oft schon länger gehegten Wunsch. In dem kurzen Retreat kannst du schon eher erfahren, dass der Respekt und zum Teil die Angst vor der Stille, dem Schweigen, dem Nichtstun, dem Sitzen – Liegen – Stehen – Gehen unbegründet ist. Schon ein kurzes Retreat kann dich nachhaltig bei dir selbst ankommen lassen. Am vergangenen Wochenende waren die dabei seienden Menschen vorrangig zum ersten Mal bei uns. Am Montag erhielten wir folgenden Brief von einer erstmaligen Teilnehmenden, den wir hier öffentlich teilen dürfen:

Gerade habe ich ohne Ablenkung und mit sehr viel Genuss einen Tee zubereitet…unten in die Tasse vor dem Aufgießen mit Wasser ein einzige Rosine gelegt…wie wunderbar. Der Tee war nichts Besonderes und doch hat er unbeschreiblich gut geschmeckt. Ebenso der Apfel, den ich heute Nachmittag aß, die alte Apfelsorte Wellant…und jeden Bissen davon geschmeckt, in all seiner Frische, Festigkeit, Süße, Säure, Saftigkeit. So schön. Gestern Abend hatte ich ein sehr ähnliches Erlebnis, als ich mir nach meiner Ankunft zuhause (und nachdem ich auf dem Boden liegend und atmend wirklich angekommen war) Pastinaken gedünstet habe. In großen Stücken und kleinster Sorgfalt zubereitet. Wunderbar. Über mein Bett letzte Nacht habe ich mich tatsächlich sehr gefreut…das erwartete Hochgefühl beim Trinken meines ersten (und seither einzigen) Kaffees seit Donnerstagfrüh blieb aus…und auch darüber habe ich mich gefreut. Ich mag wie ich heute gehe, also zu Fuß. Mit welcher Leichtigkeit…und für mich ungewohnten Langsamkeit. Wenn ich still werde und den Blick nach innen richte, fühle ich keine Anspannung….vielleicht zum ersten Mal im Leben. Ich mag meine Stimmfarbe und die Sorgfalt mit der ich heute spreche. Ich habe mir Blumen gekauft, Tulpen. Voll Ruhe war ich in der Stadt und habe nach Kochbücher der indischen Küche geschaut. Mein Repertoire an Gewürzen habe ich durch Schwarzkümmel und bunten Pfeffer (so hübsch, dass ich gar nicht weiss, wieso ich darüber noch nicht eher gestolpert bin) erweitert, meinen Vorrat an Reis, Linsen und Haferflocken habe ich durch Hirse erweitert. Als ich heute früh duschte, habe ich geduscht. Als ich eine Banane aß, habe ich eine Banane gegessen. Als ich Fahrrad fuhr , fuhren meine Beine mein Fahrrad…selten so bewusst gespürt. Und selten hat es sich so leicht angefühlt. Ich freue mich über die Sonne…heute Nachmittag war es richtig mild. Ich genieße diesen einen Tag Urlaub, den ich mir ganz offiziell nach dem Retreat noch gegönnt habe. Ich genieße die Erinnerung an das Wochenende mit/bei Euch….an die Widerstände, die ich Freitag erlebt und überwunden habe. An das Gefühl, nach und nach den Körper an die Erde abgeben zu können, in den Schultern loszulassen und meine Füße beim Stehen als weich und tragend wahrzunehmen. Ich genieße es heute Vormittag zum ersten Mal wirklich und dann auch ganz bewusst in mein Handy geschaut zu haben…Nachrichten gelesen und auf eine einzige relevante geantwortet zu haben. Seitdem ruht das Handy wieder in meiner Tasche. Im Sleep-Modus…auch das fühlt sich schön an. Angestellt hatte ich das Telefon gestern, nachdem ich die Brücke unten am “Fuß des Berges” überquert hatte…Google Maps hat mir mit dem Weg zum Bahnhof geholfen. Das Vibrieren, welches den Eingang noch Mails, Nachrichten, News signalisierte habe ich erfolgreich ignoriert bzw. das Gerät so lange mit dem Display nicht sichtbar von mir weg gehalten, bis es Ruhe gab. Es war die erste Zugfahrt seit langem, in der ich einfach nur Zug gefahren bin. Ohne Ablenkung. Ohne das Verlangen oder den Druck möglichst bald angekommen zu sein. Ich bin einfach gefahren. Über Neuwied, weil ich sorglos eingestiegen bin und dabei die falsche Richtung erwischt hatte. Aber ich hatte Zeit, habe den Anschluss in Koblenz mehr als locker bekommen und bin dann mit Umstieg in Köln um kurz nach sieben in … gewesen. Nach Hause gekommen. Kein Radio angestellt. Auch jetzt läuft es nicht…
Ich werde gleich zum Yoga fahren und spüre, ob es gerade für mich das Richtige ist. Heute morgen stand ich dort vor verschlossenen Türen, nachdem ich mich auf meine erste Stunden Yin Yoga gefreut hatte. Statt Wut und Groll darüber zu empfinden, dass ich “umsonst” hingefahren bin, habe ich kurz Enttäuschung wahrgenommen und mir dann die Frage gestellt, was in diesem Moment mein Bedürfnis ist. Die Antwort kam nicht sofort, also habe ich mein Rad für ein paar Schritte neben mir hergeschoben, bis ich wusste, dass ich etwas Warmes trinken und einen Blick in die Tageszeitung werfen wollte. Ich bin in eines meiner Lieblingscafés gefahren…und habe statt des obligatorischen Cappuccino eine heiße Zitrone (mit Honig!!, auf den ich sonst immer verzichtet hatte) getrunken….jeden einzelnen Schluck geschmeckt und genossen. Ein Erlebnis. Ich war ganz bewusst und in Ruhe einkaufen und bin dabei einer Freundin begegnet. Ich habe mir von ihr die Erlaubnis geholt, sie zu umarmen, nachdem sie sagte, sie sei krank…einfach weil mir danach war, sie zu umarmen. Wir haben gesprochen und ich habe ihr zugehört. Wirklich zugehört. und verweilt. Ich hatte keine Eile. Ich könnte vermutlich noch einiges mehr hier einfach so herunter schreiben, kein Korrekturlesen, keine Zensur. Stattdessen werde ich mir aus dem Glas Mandeln, das seit heute in meiner Küche steht, ein paar herausnehmen, diese achtsam kauen, schmecken und mich dann auf den Weg machen.
Ich kann nicht oft genug sagen, wie dankbar ich Euch bin für das, was ihr mir in den letzten Tagen mit auf den Weg gegeben habt….von Herzen Danke & bis bald
Du möchtest in 2017 auch mit dabei sein? Die Termine zu kurzen Retreats findest du hier:

 

Alle Termine für 2017 und 2018 findest du hier:

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