Brief Thich Nhat Hanh über die Selbstverbrennung von Mönchen

Die Selbstverbrennung vietnamesischer Mönche im Jahr 1963 ist für das westliche, christliche Gewissen schwer zu verstehen. Die Medien sprachen von Selbstmord, aber in seiner Essenz ist es das nicht. Es ist nicht einmal ein Protest. Was die Mönche in den Briefen, die sie vor ihrer Selbstverbrennung hinterließen schrieben, zielt darauf ab zu alarmieren, soll das Herz des Unterdrückers bewegen und die Aufmerksamkeit der Welt auf das Leiden lenken, das die Vietnamesen erdulden. Sich selbst zu verbrennen ist ein Beweis, dass das, was man zu sagen hat, von äußerster Bedeutung ist.

Thich Nhat Nanh: „Auf der Suche nach dem Menschenfeind“ 

Ein Brief an Dr. Martin Luther King

Es gibt nichts schmerzvolleres als sich selbst zu verbrennen. Etwas zu sprechen, während man diese Art von Leid erfährt bedeutet, etwas mit äußerstem Mut, Freimütigkeit, Entschlossenheit und Ehrlichkeit zu sagen.

In der Ordinierungszeremonie, wie sie in der Tradition des Mahayana praktiziert wird, wird der Aspirant angehalten, einen oder mehrere kleine Töpfe auf seinem Körper abzubrennen, während er das Gelübde ablegt, die 250 Regeln einen Mönch zu befolgen, ein Leben als Mönch zu leben, Erleuchtung zu erreichen und sein Leben der Rettung aller Wesen zu widmen. In einem bequemen Sessel sitzend kann man dies natürlich sagen, aber wenn diese Worte vor der gesamten Sangha knieend und diesen Schmerz erfahrend geäußert werden, drücken sie die Ernsthaftigkeit des Herzens und des Geistes aus und haben daher ein größeres Gewicht.

Ein vietnamesischer Mönch, der sich selbst Verbrennungen zufügt, sagt mit all seiner Kraft und Entschlossenheit, dass er allergrößten Schmerz ertragen kann, um sein Volk zu beschützen. Aber warum muss er sich brennend zu Tode bringen? Der Unterschied zwischen sich verbrennen und sich zu Tode verbrennen ist nur ein gradueller und nicht ein substanzieller Unterschied. Ein Mensch, der sich zu sehr verbrennt, muss sterben. Wichtig ist nicht, sich zu Tode zu bringen, sondern zu brennen. Was er dabei wirklich anstrebt ist, seinen Willen und seine Entschlossenheit auszudrücken. Zu sterben wird nicht angestrebt.

Nach buddhistischem Glauben ist das Leben nicht auf eine Spanne von 60, 80 der 100 Jahren beschränkt. Leben ist unendlich. Leben ist nicht auf diesen Körper beschränkt, es ist universell. Willen auszudrücken durch Selbstverbrennung ist also nicht ein destruktiver Akt, sondern eine konstruktive Handlung, d.h. zu leiden und zu sterben für das Wohl seines Volkes. Das ist kein Selbstmord. Selbstmord ist Selbst-Zerstörung, die folgenden Ursachen hat:

• Mangel an Lebensmut und an Mut, Schwierigkeiten zu bewältigen

• Vom Leben besiegt werden und Verlust aller Hoffnung

• Sehnsucht nach Nicht-Existenz (abhava)

Selbstzerstörung wird von Buddhisten als eines der schwersten Verbrechen angesehen. Der Mönch, der sich verbrennt, hat aber weder Mut noch Hoffnung verloren, noch sehnt er sich nach Nicht- Existenz. Im Gegenteil, er ist sehr mutig und hoffnungsvoll und strebt etwas Gutes in der Zukunft an. Er versteht seine Handlung nicht als Selbst-Zerstörung; er glaubt daran, dass sein Opfer zum Wohle anderer fruchtbar sein wird.

Wie Buddha in einem seiner früheren Leben – wie es in eine der Jataka Geschichten erzählt wird – sich einer hungrigen Löwin hingab, die davor stand, aus Hunger ihre Jungen zu fressen, glaubt der Mönch daran, dass er das Gebot des höchsten Mitgefühls befolgt, indem er sich für andere opfert, um die Aufmerksamkeit und die Hilfe anderer Menschen auf der Welt zu rufen.

Ich glaube aus ganzem Herzen, dass die Mönche, die sich verbrannten, nicht den Tod der Unterdrücker zum Ziel haben, sondern eine Veränderung ihrer Politik. Ihre Feinde sind nicht Menschen. Es sind Intoleranz, Fanatismus, Diktatur, Begierde, Hass und Diskriminierung, die im Herzen des Menschen liegen. Ich glaube zudem mit meinem ganzen Wesen, dass das Ringen um Gleichheit und Freiheit, das Sie in Birmingham, Alabama angeführt haben, nicht gegen Menschen gerichtet ist, sondern gegen Intoleranz, Hass und Diskriminierung. Dies sind die wirklichen Feinde des Menschen – nicht der Mensch an sich. In unserem unglücklichen Vaterland versuchen wir verzweifelt nachzugeben: Töte keinen Menschen, nicht mal im Namen von Menschen. Bitte töte die wahren Feinde des Menschen, die überall präsent sind, in unseren Herzen und in unserem Geist.

In der Konfrontation großer Mächte, die gerade in unserem Land geschieht, sterben täglich hunderte, vielleicht tausende vietnamesische Bauern und Kinder verlieren täglich ihr Leben. Unser Land ist gnadenlos und tragisch durch Krieg zerrissen, der bald zwanzig Jahre dauert. Ich bin mir sicher, dass Sie, der Sie eine der schwersten Auseinandersetzung um Gleichheit und Menschenrechte führen, zu denen gehören, die vollkommen verstehen und das unbeschreibliche Leiden des vietnamesischen Volkes mit ganzem Herzen teilen.

Der Welt größter Humanist würde darüber nicht schweigen. Sie selbst können nicht stumm bleiben. Von Amerika heißt es, dass es ein starkes religiöses Fundament habe und dass seine spirituellen Führer nicht zulassen würden, dass Amerikas politischen und ökonomischen Doktrinen ein spirituelles Element fehlte. Sie können nicht schweigen, weil Sie bereits handelnd aktiv sind und in Ihren Handlungen Gott in Aktion ist, um Karl Barths Ausdruck zu verwenden.

Und Albert Schweitzer, mit seiner Betonung der Achtung allen Lebens. Und Paul Tillich mit seinem Mut zum Sein und daher zur Liebe. Und Niebuhr. Und Mackay. Und Fletcher. Und Donald Harrington. Alle diese religiösen Humanisten, und viele mehr, werden eine Schande für die Menschheit, wie sie Vietnam zu erdulden hat, nicht befürworten.

Kürzlich hat sich ein junger buddhistischer Mönch, Thich Giac Thanh verbrannt (am 20. April 1965 in Saigon), um die Aufmerksamkeit der Welt für das Leiden der Vietnamesen in diesem unnötigen Krieg hervorzurufen – und Sie wissen, dass Krieg immer unnötig ist. Eine andere junge Buddhistin, die Nonne Hue Thien war dabei, sich selbst auf die gleiche Weise mit der gleichen Absicht zu opfern, aber ihr Wille, sich zu opfern wurde nicht erfüllt, weil es ihr nicht gelang, ein Streichholz zu entzünden bevor die Leute sie sahen und eingriffen. Niemand will den Krieg? Für was ist der Krieg dann? Und wem ist der Krieg zu eigen?

Gestern betete einer meiner Schüler im Unterricht: „Herr Buddha, helfe uns wachsam zu sein, so dass wir verstehen, dass nicht einer das Opfer des anderen ist. Wir sind Opfer unserer eigenen Ignoranz und der Ignoranz anderer. Helfe uns zu vermeiden, uns in gegenseitiges Abschlachten verwickeln zu lassen, weil andere den Willen zur Macht und zur Herrschaft haben.“

Ich schreibe Ihnen als ein Buddhist, ich bekenne meinen Glauben an die Liebe, an die Verbundenheit und an die Humanisten dieser Welt, deren Gedanken und Haltungen ein Wegweiser für die ganze Menschheit sein sollten, herauszufinden, wer der wahre Menschenfeind ist.

01. Januar 1965 Nhat Hanh

Ein Gedanke zu „Brief Thich Nhat Hanh über die Selbstverbrennung von Mönchen

  1. Für diese Veröffentlichung bin ich zu tiefst dankbar. Durch Zufall bin ich darauf gestoßen, als ich nach Fotos von Thich Nathan gestöbert habe.
    In mir hat dieser Brief eine tiefe Berührung hervorgerufen, ein nochmals erweitertes Verständnis von dem was ich auf meinem Weg (buddhistisch, christlich, spirituell….) eigentlich fühle und verwirklichen möchte.
    Ich kann mein Glück kaum fassen, dass mir dieser Brief unter die Augen gekommen ist. Nährt er doch immens mein eigenes inneres Feuer und die Gewissheit, dass diese Welt niemals verloren sein wird, weil es schon viel zu viel Erleuchtung gibt – Bereitschaft echte Menschenliebe zu leben, die sogar Todesschmerzen verkraften kann.

    Und danke für die immer wieder und wieder erforderliche Erinnerung daran, was die eigentlichen Feinde des Unfriedens im Kleinen wie im Großen sind.

    Dranbleiben, keine Sekunde nachlassen, das wünsche ich mir für mich und alle, die das auch möchten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.